Die Geschichte der ersten Politikerin Hamburgs – Anna Siemsen

Die Geschichte Hamburgs ist reich an bekannten Persönlichkeiten, die einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der Stadt geleistet haben. Unter den prominenten Namen, die die Demokratie geprägt haben, sticht die Figur von Anna Siemsen hervor. Diese Politikerin kämpfte für Gleichheit und Bildung und veränderte die Vorstellungen über die Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Ihr Leben ist eine Geschichte von bildungspolitischem Wandel, Überzeugungskraft und Emanzipation. Sie hinterließ in Hamburg bleibende Spuren, denn sie betrat nicht nur die politische Bühne, sondern ebnete auch den Weg für andere Frauen, die nicht länger schweigen konnten. Mehr dazu auf hamburgka.

Frühe Jahre und pädagogische Karriere

Anna Siemsen wurde am 18. Januar 1882 im Dorf Mark, das heute ein Teil der Stadt Hamm ist, in einer protestantischen Pastorenfamilie geboren. Sie hatte gesundheitliche Probleme, genauer gesagt war eines ihrer Beine kürzer. Als zweites von sechs Kindern wuchs sie bei liebevollen Eltern auf. Das Mädchen wurde in einer Dorfschule unterrichtet und besuchte später eine höhere Mädchenschule in Hamm. Bildung war damals für Frauen eine Seltenheit, doch schon von Kindheit an wurde Anna mit vielfältigen literarischen Werken vertraut gemacht.

Nach privater Vorbereitung legte Anna Siemsen 1901 in Münster das Lehramtsexamen ab und erhielt die Berechtigung, an Grundschulen und höheren Mädchenschulen zu unterrichten. Im Jahr 1905 legte sie extern ihr Abitur in Hameln ab. Im selben Jahr studierte sie Germanistik, Philosophie und Latein in Münster und Bonn. Sie war eine der ersten Studentinnen, die eine Hochschulausbildung absolvierte. 1909 verteidigte sie ihre Doktorarbeit in Bonn mit Auszeichnung und legte ein Jahr später das Staatsexamen für den Unterricht an höheren Schulen ab. Während ihrer Tätigkeit als Gouvernante und Dozentin an einem Lehrerseminar entwickelte Anna Siemsen ihre pädagogische und staatsbürgerliche Weltanschauung – sie setzte sich für die Lösung bildungspolitischer und sozialer Ungleichheiten ein.

Politische Karriere in Hamburg

Der Erste Weltkrieg veränderte Anna Siemsens Ansichten. Sie wurden radikaler, und die Frau schloss sich der sozialistischen Bewegung an. Dies legte den Grundstein für ihre politische Tätigkeit. 1917 wurde sie Mitglied der „USPD“. Sie war eine der ersten Frauen, die nach der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland im Jahr 1918 am politischen Leben Hamburgs teilnahmen. Es ist bemerkenswert, dass sie in die Hamburger Bürgerschaft einzog und eine der wenigen Politikerinnen der Stadt wurde.

Von 1919 bis 1920 war die Politikerin Abgeordnete in Düsseldorf und von 1923 bis 1931 Mitglied der „SPD“. Ihre Arbeit konzentrierte sich auf die Schaffung eines gemeinsamen Bildungssystems für Kinder aus verschiedenen sozialen Schichten. Diese Idee war zu dieser Zeit neu und stieß bei der Führung nicht auf Begeisterung. Sie setzte sich für die Freiheit der Lehrer ein, war gegen Bürokratie und forderte, dass Eltern und Kinder ein Mitspracherecht haben sollten.

Ihre eigentliche politische Karriere begann jedoch 1928, als sie als Vertreterin der SPD aus Leipzig in den Reichstag gewählt wurde. Obwohl sie nicht die allererste Frau im Parlament von Düsseldorf oder Freiburg war, wurde sie im Hamburger Kontext zu einer „Pionierin, die systemische Diskriminierung überwand“.

Parallel zu ihrer politischen Arbeit war sie Professorin für Pädagogik an der Universität Jena. Doch bereits vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde sie aufgrund ihrer sozialistischen Ansichten unrechtmäßig entlassen. Danach emigrierte sie in die Schweiz. Dort engagierte sie sich in der Friedensbewegung und sprach sich gegen den Nationalsozialismus aus. Sie war auch mit der sozialdemokratischen Partei im Bildungsbereich verbunden. 1938 wurde sie Redakteurin der sozialdemokratischen Zeitung „Die Frau im Leben und Schaffen“. Sie setzte sich für die europäische Integration ein, was die Grundlage für ihre Tätigkeit nach ihrer Rückkehr nach Hamburg bildete.

Rückkehr in die Hansestadt

1946 kehrte Anna Siemsen aus dem Schweizer Exil nach Hamburg zurück und strebte eine Lehrtätigkeit an der Universität Hamburg an. Ein Jahr später übernahm sie die Leitung des Instituts für Lehrerbildung in Hamburg und hatte von 1947 bis 1949 eine Professur für neuere Literatur und Pädagogik an der Universität Hamburg inne. Später arbeitete sie am Pädagogischen Institut der Universität Hamburg. Trotzdem wurde Anna Siemsen die Wiederanstellung als Professorin und als Beamtin aufgrund bürokratischer und politischer Schwierigkeiten verweigert. Schließlich leitete sie die Lehrerfortbildungskurse der „Volkshochschule“ und hielt Vorlesungen über europäische Literatur, wobei sie sozialdemokratische Werte popularisierte.

Quelle: assets.rrz.uni-hamburg.de

Anna Siemsen starb am 22. Januar 1951 in Hamburg und hinterließ ein großes Erbe. Sie schrieb 27 Bücher, veröffentlichte 500 Artikel und verfasste grundlegende Werke über Pädagogik und Pazifismus. Ihr zu Ehren wurde ein Hörsaal an der Universität Hamburg als „Anna-Siemsen-Hörsaal“ benannt. Auch Straßen in Berlin, Hannover und anderen Städten tragen den Namen der Politikerin.

Anna Siemsen ist somit eine der ersten Politikerinnen Hamburgs, deren Arbeit die Bildungs- und Politiklandschaft der Stadt maßgeblich verändert hat. Trotz Verfolgung und Unterdrückung kämpfte sie weiterhin für gleichen Zugang zu Bildung, sozialistische Ideale und ließ sich von europäischen Werten inspirieren. Sie bleibt ein Symbol des Mutes, und ihr Vermächtnis lebt in den heutigen Debatten über Gleichheit und Bildung weiter. Solche Persönlichkeiten inspirieren heutige Politiker, denn sie ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie eine Frau den öffentlichen Raum verändern kann.

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