Eine der herausragendsten Schriftstellerinnen des 18. Jahrhunderts in Deutschland war Engel Christine Westphalen. Sie lebte ihr gesamtes Leben in Hamburg und hinterließ zahlreiche Werke, die sie überdauerten. Mehr dazu auf hamburgka.eu.
Eine wohlhabende Kindheit
Historisch gesehen war Hamburg das wichtigste Handelszentrum des Landes. Händler zählten zu den reichsten Bürgern der Stadt. Engel wurde 1758 in die Kaufmannsfamilie von Jakob von Ax und Katharina Maria geboren. Sie war das zehnte von insgesamt elf Kindern. Die Eltern der zukünftigen Schriftstellerin waren wohlhabend. Ihre Mutter Katharina widmete viel Zeit der Erziehung und Bildung der Kinder. Von ihr lernte Engel die Welt kennen und interessierte sich schon früh für Fremdsprachen. Ihre ersten literarischen Schritte unternahm sie mit dem Schreiben von Gedichten. Ihre kreativen Ambitionen wurden von den Eltern und dem geistigen Mentor der Mutter unterstützt.
Mit 27 Jahren heiratete Engel zum ersten Mal einen Kaufmann, doch die Ehe scheiterte aus unbekannten Gründen. Ihr zweiter Ehemann war der Senator Johann Ernst Friedrich Westphalen. Das Paar hatte fünf Kinder, von denen nur drei überlebten.
Ein Zufluchtsort für Kreative
Ihr zweiter Ehemann unterstützte Engels künstlerische Bestrebungen. Ihr Haus wurde ein Zufluchtsort für die lokale kreative Elite – Schriftsteller, Dichter und Maler. Johann Tischbein malte später ein Porträt der Dichterin. Zu den prominenten Gästen gehörte auch Louis-Philippe von Orléans, der später König von Frankreich wurde. Während der Französischen Revolution gewährte sie aristokratischen Flüchtlingen Obdach. Von diesen Flüchtlingen erfuhr Westphalen die Geschichte von Charlotte Corday.

Abgesehen von einigen kleinen Reisen lebte Westphalen ihr ganzes Leben in Hamburg. Über andere Länder und Traditionen erfuhr sie vor allem durch ihre Gäste.
Trotz der Unterstützung ihrer Familie musste sich Westphalen unter Pseudonymen veröffentlichen. Ihre erste Gedichtsammlung erschien unter dem Pseudonym „Angelika“. Später veröffentlichte sie anonym. 1812 reiste sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter durch Deutschland und die Schweiz. Auf dieser Reise lernte Westphalen viele bedeutende Schriftsteller ihrer Zeit kennen.
Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit engagierte sich Westphalen auch gesellschaftlich. 1815 erhielt sie eine goldene Gedenkmedaille der Stadt für ihren Beitrag zur Wohltätigkeitsarbeit. Ihr gesamtes Honorar für „Gesänge der Zeit“ spendete sie an die Frauenvereinigung der Schriftstellerinnen. Sie unterstützte zahlreiche Fonds. Engel Christine Westphalen starb 1840.
Weibliche Perspektive in Krimis
Engel schrieb nicht nur Gedichte. Im Genre des Krimis nimmt sie eine Vorreiterrolle ein. Sie wird oft mit Agatha Christie oder Ann Rule verglichen. Da Kriminalgeschichten damals als männliches Genre galten, musste Engel – wie viele andere Frauen – unter Pseudonym schreiben. Leider hat sich diese Situation auch im 21. Jahrhundert nicht grundlegend verändert. J.K. Rowling, die Autorin von Harry Potter, veröffentlichte ihre Krimis über Cormoran Strike unter einem männlichen Pseudonym. Ann Rule, die erste amerikanische Krimiautorin, musste ebenfalls einen langen Weg gehen, um sich unter ihrem eigenen Namen zu etablieren.

Engels Weg war jedoch noch viel schwieriger. Das Vertrauen der Leser zu gewinnen, war nicht einfach. Andere männliche Autoren, die nicht einmal im Krimigenre tätig waren, versuchten, ihre Werke zu diskreditieren, obwohl sie in kreativen Kreisen durchaus anerkannt war.
Das Verbrechen von Corday
Am 13. Juli 1793 geschah in Frankreich ein aufsehenerregendes Verbrechen. Charlotte Corday erstach ihren Ehemann, den französischen Journalisten Jean-Paul Marat. Dieses Verbrechen wurde später in einem Gemälde dargestellt. Corday wurde guillotiniert, und Napoleon verbot die literarische Darstellung dieses Ereignisses. Deutschland unterlag jedoch nicht Napoleons Gesetzen, und Westphalen fürchtete sich vor nichts. Sie schrieb ein Drama in fünf Akten über Corday, das sie anonym veröffentlichte und ihr Autorenschaft geheim hielt. Goethe war empört, als er erfuhr, dass Westphalen dieses Werk verfasst hatte.

Goethe verurteilte ihr Werk öffentlich. Er erklärte, dass sie besser Röcke zu Hause gestrickt hätte, anstatt ein solches Drama zu schreiben. Goethe war für seine antifeministischen Ansichten bekannt. Schiller, der Vater des deutschen Kriminaldramas, äußerte sich weniger scharf über das Drama, obwohl viele seiner Biographen seine zurückhaltende Reaktion auf seinen Charakter zurückführen. Ein Jahr nach der Veröffentlichung des Dramas starb Schiller. Westphalen schuf ein Werk, das zu einem Meilenstein des Genres wurde. Sie beleuchtete alle Facetten der Persönlichkeit der Mörderin – ein Ansatz, der vorher nicht verwendet wurde. Täter und Kriminelle wurden bisher lediglich als stumme Akteure dargestellt.
Trotz der heftigen Ablehnung durch Männer ließ sich Westphalen nicht unterkriegen. 1809 hörte sie auf, Pseudonyme zu verwenden. Für ihre Gedichtsammlung zu sozialen Themen erhielt sie eine Medaille.