Tätigkeit unter Männern: Das Leben und Schicksal der KZ-Aufseherin Anneliese Kohlmann

In der Geschichte gibt es zahlreiche Persönlichkeiten, deren Handlungen nicht nur überraschen, sondern auch eine Vielzahl an Emotionen hervorrufen. Eine dieser Personen ist Anneliese Kohlmann, eine deutsche KZ-Aufseherin. Für moderne Menschen ist es schwer nachvollziehbar, welche Persönlichkeit man haben musste, um in solch einem Ort und zu solch einer schrecklichen Zeit zu arbeiten. Historisch gibt es viele Berichte über Konzentrationslager und Männer, die in nahezu allen Lebensbereichen des 20. Jahrhunderts Einfluss hatten. Doch selten stößt man auf Geschichten, in denen hinter solcher Grausamkeit und Berufung eine Frau steht. Wer war Anneliese Kohlmann? Wodurch wurde sie bekannt, und wie beeinflusste ihre Entscheidung ihr Schicksal? Über das Leben, die Tätigkeit und das komplizierte Schicksal von Anneliese Kohlmann berichten wir in unserem Artikel auf hamburgka.eu.

Was ist über die frühen Jahre von Anneliese Kohlmann bekannt?

Anneliese Kohlmann wurde am 23. März 1921 in Hamburg geboren. Über ihre Eltern ist wenig bekannt, jedoch war ihr Vater Freimaurer. Auch ihre Jugend und Ausbildung sind kaum dokumentiert. Sie wurde in christlichen Traditionen erzogen und besuchte bis 1938 eine Privatschule. Noch vor ihrem 20. Lebensjahr entschied sie sich, der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) beizutreten, deren Führer Adolf Hitler war. Die Gründe für diese Entscheidung sind unbekannt, doch 1940 wurde sie Parteimitglied, woraufhin sich ihr Leben grundlegend veränderte.

Parallel dazu arbeitete Anneliese Kohlmann als Straßenbahn-Schaffnerin, nahm diese Tätigkeit jedoch nie ernst. Interessanterweise war Anneliese lesbisch, was sie jedoch nicht daran hinderte, 1943 zu heiraten. Später zog sie nach St. Georg (ein Teil des Hamburger Bezirks Hamburg-Mitte). Insgesamt führte Anneliese Kohlmann ein eher ruhiges und gewöhnliches Leben: Sie fiel weder durch besondere politische Ansichten noch durch Konflikte auf. Diese Tatsachen überraschen viele Menschen, die Anneliese als die grausamste Frau der Geschichte kennen.

Die grausamste weibliche Aufseherin der Geschichte

Im November 1944 trat Anneliese Kohlmann dem SS-Gefolge bei – einer Hilfsorganisation weiblicher Angehöriger der SS. Kurz darauf wurde sie Aufseherin im Konzentrationslager Neugraben, wo sie jüdische Häftlinge bewachte. Überraschenderweise fügte sie sich schnell in ihre neue Rolle ein. Ihre männlich wirkende Erscheinung brachte ihr den Spitznamen „Bubi“ ein. In dieser Position wandelte sich ihre Persönlichkeit grundlegend. Hatte sie zuvor ein eher unscheinbares Leben geführt, so erwarb sie sich im Lager schnell den Ruf als besonders grausame Aufseherin.

Bereits in den ersten Monaten ihrer Tätigkeit wurde aus der unscheinbaren Frau eine äußerst brutale Person. Sie misshandelte und sexuell missbrauchte Häftlinge. Selbst für kleinste Vergehen oder ohne Grund schlug sie Frauen blutig. Ihre Grausamkeit war grenzenlos. Doch bald sollte sie sich vor Gericht für ihre Taten verantworten müssen.

Beziehungen zu den Häftlingen

Trotz ihrer Grausamkeit verliebte sich Anneliese Kohlmann in Lotte Winter, die Frau eines tschechischen Häftlings. Als die Häftlinge, zu denen Winter gehörte, in ein anderes Konzentrationslager verlegt wurden, setzte Anneliese alles daran, ebenfalls dorthin versetzt zu werden. Als der Lagerkommandant ihre Bitte ablehnte, suchte sie nach anderen Wegen, um zu Lotte zu gelangen. Schließlich kehrte sie als Gefangene getarnt in das Konzentrationslager zurück.

Im April 1945 schmuggelte sich Anneliese Kohlmann heimlich in das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Sie fuhr mehr als zehn Stunden mit dem Fahrrad von Hamburg dorthin und verkleidete sich in Häftlingskleidung, um unentdeckt zu bleiben. Auf diese Weise gelang es ihr, mit Lotte Winter in einer Zelle unterzukommen.

Der Prozess gegen Anneliese Kohlmann

Nur eine Woche nach ihrer Ankunft wurde das Lager Bergen-Belsen an die britische Armee übergeben. Anneliese hoffte, mit Lotte Winter nach Prag fliehen zu können, doch ihre Pläne scheiterten. Am 17. April 1945 wurde sie von ehemaligen Häftlingen erkannt und den Briten übergeben.

Anneliese Kohlmann wurde zusammen mit anderen KZ-Aufsehern gezwungen, Massengräber für die tausenden Opfer des Lagers auszuheben. Dieses Ereignis wurde durch ein berühmtes Foto von George Rodger dokumentiert, das für das Magazin „Life“ aufgenommen wurde. Auf dem Bild ist Anneliese Kohlmann zu sehen, wie sie Leichen aus einem Lastwagen entlädt.

Nach kurzer Zeit wurde sie ins Gefängnis von Celle überführt, wo sie auf ihren Prozess wartete. Beim ersten Verhör am 9. Juni 1945 wies sie alle Vorwürfe von sich, gestand jedoch ihre lesbischen Beziehungen. Im Mai 1946 fand ein weiterer Prozess statt, bei dem sie wegen Kriegsverbrechen angeklagt wurde. Zeugenaussagen ehemaliger Häftlinge führten schließlich zu einer zweijährigen Haftstrafe.

Das Leben nach der Haft

Nach ihrer Entlassung kehrte Anneliese Kohlmann nach Hamburg zurück. Berichten zufolge arbeitete sie mehrere Jahre als Prostituierte, bevor sie Lkw-Fahrerin wurde. 1965 zog sie nach West-Berlin, wo sie als Köchin in einem Krankenhaus tätig war. Über ihr Leben in Berlin oder ihren Familienstand ist kaum etwas bekannt. Anneliese Kohlmann starb am 17. September 1977. Ihre Geschichte wurde 2013 durch das Theaterstück „Unter der Haut“ von Jonathan Calderon wieder in Erinnerung gerufen.

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